Therapie der Osteoporose
Die Leitlinien für eine Osteoporosetherapie sind Schlüsselempfehlungen und bieten
dem Arzt eine auf wissenschaftlicher Basis beruhende und in Bezug auf Kosten und
Nutzen abgewogene Therapie der Osteoporose. Sie entbinden den einzelnen Arzt
jedoch nicht von seiner Verantwortung für den einzelnen Patienten. Allerdings kann der
Arzt in der individuellen Situation und bei gegebener Indikationen von diesen
Schlüsselempfehlungen abweichen.
Der empfohlene Korridor für den Beginn einer medikamentösen Therapie der
Osteoporose sind ein 20%iges (relative Indikation) bis 40%iges (absolute Indikation) 10-Jahres-Schenkelhalsfrakturrisikoäquivalent.
Zur Grundversorgung für die Patienten muss eine ausreichende Calcium- und Vitamin D-Substitution gesichert sein, die sich nach der individuellen Calciumbilanz des einzelnen Patienten richtet. Gleichzeitig muss eine ausreichende osteoanabole bzw. antiresorptive
Therapie durchgeführt werden. Bei der osteoanabolen Therapie erreichen
das Parathormonfragment (1-34) den Empfehlungsgrad A und die Fluoride den
Empfehlungsgrad B.
Bei den Antiresorptiva erreichen Alendronat, Ibandronat, Risedronat und Raloxifen den
Empfehlungsgrad A, Etidronat und die Calcitonine den Empfehlungsgrad B und die
Östrogene/Gestagene den Empfehlungsgrad C.
Das Strontiumranelat erreicht ebenfalls den Empfehlungsgrad A und ist im Augenblick
die einzige Therapieoption, die gleichzeitig den Knochenaufbau stimuliert und
den Knochenabbau bremst.
In der Akutphase der gesicherten Wirbelkörperfraktur sollte eine rasche
Schmerzlinderung und dann eine Mobilisierung erfolgen. Diese kann nach dem WHO-Schema der Schmerztherapie erreicht werden.
- Stufe I: Nicht-Opioide
- Stufe II: schwache Opioide
- Stufe III: Opiate
Zusätzlich kann bei multiplen Frakturen eine Entlastung durch
ein elastisches Stützmieder erfolgen.
Zur knochenspezifischen Therapie kann ein Therapeutikum der ersten Wahl eingesetzt
werden wie Alendronat 10 mg pro Tag bzw. 70 mg pro Woche, Raloxifen 60 mg pro Tag
oder Risedronat 5 mg pro Tag oder 35 mg pro Woche. Das Ibandronat kann in einer
täglichen Dosierung von 2,5 mg oder aber einer monatlichen Gabe eingesetzt werden. Die
Auswahl erfolgt nach der individuellen Patientensituation.
Falls die Monotherapie mit den Therapeutika der ersten Wahl nicht ausreichend
erscheinen, kann zusätzlich auf ein Therapeutikum der zweiten Wahl zurückgegriffen
werden. Hier bieten sich als osteoanabole Therapeutika das Natriummonofluorphosphat
2 x 76 mg pro Tag plus 100 mg Calcium oder Natriumfluorid (slow release) 2 x 25 mg
pro Tag (12 Monate Therapie, 2 Monate Pause) und 800 mg Calciumcitrat an. Als
osteoklastenhemmende Therapie kann Etidronar zyklisch intermittierend 400 mg pro
Tag für 14 Tage und dann für 76 Tage 500 mg Calcium eingesetzt werden oder eine
Östrogen-Gestagentherapie in Kombination mit Calcium und Vitamin D3 unter strenger
Indikation und nach Abwägungen der individuellen Risiken und Nutzen.
Bei oraler Unverträglichkeit der Bisphosphonate kann auf eine i.v.-Gabe übergegangen
werden. Hier bieten sich Ibandronat, Pamedronat und Clodronat an. Es müssen jedoch
die Bedingungen des off label use beachtet werden.
Das Strontiumranelat wird in einer Dosierung von 2 g pro Tag eingesetzt und vor dem
Schlafengehen aufgelöst in einem Glas Wasser eingenommen. Das Strontiumranelat wird wegen der einfachen Einnahme und der guten Verträglichkeit
bei multimorbiden Patienten eingesetzt, allerdings auch frühzeitig bei Frauen ohne
Frakturen, bei Frauen mit bestehender Wirbelkörperfraktur und insbesondere bei den
älteren Patientinnen mit einem Alter von mehr als 81 Jahren.
Bei der Therapie mit dem Periparatid (Paratholmonfragment 1-34) kann auf die
Osteoklastenhemmung verzichtet werden, die Therapiedauer ist jedoch auf 18 Monate
beschränkt. Sämtliche übrigen Therapien sollten mindestens aber drei Jahre
durchgeführt werden.
Unter diesen Kombinationstherapien ist ein Knochenmineralzuwachs von etwa 10-12%
pro Jahr zu erwarten. Das therapeutische Ziel in der chronischen Phase bei gesicherten Wirbelkörperfrakturen
besteht in der Verhinderung von weiteren Frakturen, Verbesserung der Mobilität und
Funktionsfähigkeit und der Erhaltung der Lebernsqualität. So kann die Pharmakotherapie
für etwa zwei bis drei Jahre durchgeführt werden. Zusätzlich können zur
Schmerztherapie Amitryptilin, Doxepin oder Trimipramin oder ein Mukelrelaxans mit
analgetischer Wirkung wie Flupertin eingesetzt werden. Anderenfalls sind
Hüftprotektoren empfehlenswert.
Die Therapie der Osteoporose des älteren Menschen sollte analog der bei
postmenopausaler Osteoporose durchgeführt werden. Da es sich hierbei häufig um eine
Vitamin D-Stoffwechselstörung handelt und somit nicht um eine reine Osteoporose,
sollte als Basistherapie die Gabe von etwa 1000 bis etwa 1500 mg Calcium pro Tag
und 400-800 IE Vitamin D3 eingesetzt werden. Weiterhin sollte auf alle Fälle auf eine
entsprechende Sturzprophylaxe geachtet werden. Die Therapiedauer beträgt
mindestens drei Jahre. Zur Therapie der älteren, schwer pflegebedürftigen Frauen
bieten sich ebenfalls eine hoch dosierte Calcium und Vitamin D-Gabe an, sowie
sturzsenkende Interventionen und Hüftprotektoren.
Zur Therapie der glucocorticoidinduzierten Osteoporose bei postmenopausalen Frauen
sollten sowohl das Risedronat 5 mg pro Tag und eine allgemeine Prophylaxe mit
Calcium und Vitamin D3 für eine Dauer von etwa zwei bis drei Jahren eingesetzt
werden, als auch Etidronat in einer zyklischen Therapie mit 400 mg pro Tag für 14 Tage
und anschließend 500 mg Calcium für 76 Tage. Hier erreicht das Etidronat den
Empfehlungsgrad A. Die Therapiedauer beträgt ebenfalls 2-3 Jahre. Bei
Unverträglichkeit der täglichen oralen Bisphosphonatgabe wird häufig auf die
wöchentliche orale i.v.-Gabe ausgewichen. Auch hier müssen die Modalitäten des off
label use beachtet werden. Als weitere medikamentöse Therapiealternativen kann auf
Calcitonin, 1-alpha-Calcidol, Calcitriol und Fluoride ausgewichen werden. Auf alle Fälle
müssen parallel zu der medikamentösen Therapie eine ausreichende Physiotherapie
und ein Bewegungstraining durchgeführt werden. Die körperlichen Aktivitäten sollten
weitestgehend erhöht werden durch Rückenschwimmen im warmen Wasser mit
Paddelschlag der Beine. Weiterhin sind Fitnessprogramme, die dem Muskelaufbau
dienen, zu empfehlen.
Nach meiner Erfahrung (Meinung eines Experten: Empfehlungsgrad D) hat sich
folgendes Vorgehen bewährt. Bei high-turnover Situationen mit hohem Knochenumsatz
sollte der erhöhte Knochenabbau geblockt werden. Hierzu bietet sich eine vierwöchige
Therapie mit einem Bisphosphonat oder Raloxifen an. Anschließend sollte auf eine
Kombinationstherapie übergegangen werden bestehend aus
Natriummonofluorphosphat, Natriumfluorid, oder Parathormon (1-34) um die
Knochenmatrixsynthese anzuregen, und Calcium und Vitamin D und dessen
Metaboliten, um die Matrix zu mineralisieren, und aus einer osteklastenhemmenden
Therapie, die jeweils auf die Situation des Patienten zugeschnitten ist. Hier bieten sich
perimenopausal die Östrogene und Gestagene an. Die Antiöstrogene haben ebenfalls
knochenprotektive Wirkungen. Bei einem Mann mit einem Hypogonadismus kann
Testosteron eingesetzt werden. Bei einer Frau nach der Menopause ohne
klimakterische Probleme bieten sich das Raloxifen oder ein Bisphosphonat an. Bei der
corticoidinduzierten Osteoporose sollte zur Osteoblastenhemmung auf jeden Fall ein
Bisphosphonat eingesetzt werden. Bei der Therapie mit dem Parathormonfragment (1-34) kann auf die Osteoblastenhemmung verzichtet werden.
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